Alter, Migration und die blinden Forschungsflecken der Schweiz
Ältere Menschen mit Migrationserfahrung altern in der Schweiz oft unter deutlich schwierigeren Bedingungen. Wo die strukturellen Lücken liegen und was es für mehr Selbstbestimmung braucht, erklärt Gisella Dufey Hinch, Vizepräsidentin des Nationalen Forums Alter und Migration.
Text: Nicole Krättli, Fotos: Nicole Krättli und zVg Gisella Dufey Hinch
Frau Dufey Hinch, welche besonderen Herausforderungen prägen das Älterwerden von Migrantinnen und Migranten in der Schweiz?
Rund 15 Prozent der Rentnerinnen und Renter in der Schweiz haben Migrationserfahrung – tatsächlich sind es mehr, weil Eingebürgerte und Sans-Papiers statistisch nicht erfasst werden. Die Gruppe von Rentnerinnen und Rentnern mit Migrationserfahrung ist sehr heterogen. Es gibt einen grossen Anteil von Menschen aus EU- und EFTA-Ländern, die finanziell gut abgesichert sind.
Anders sieht es aber insbesondere bei jenen Menschen aus, die in den 1950er-, 1960er- und frühen 1970er-Jahren als Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten in die Schweiz kamen. Ihre AHV-Renten sind vergleichsweise niedrig und auch die Pensionskasse fällt meist deutlich tiefer aus oder fehlt ganz. Hinzu kommen oft belastende Arbeitsbiografien. Und besonders bei Frauen führen Beitragslücken und tiefere Erwerbsverläufe zu einem erhöhten Armutsrisiko. Armut, fragile Gesundheit und eine unzureichende soziale Integration gehören zu den zentralen Herausforderungen.
Inwiefern ist diese Gruppe gesundheitlich fragiler?
Frühere Lebensbedingungen wirken langfristig: körperlich schwere Arbeit, Trennung von Familie, Aufenthaltsunsicherheiten oder traumatische Erfahrungen. Ältere Migrantinnen und Migranten haben häufiger chronische Krankheiten und werden im Schnitt früher fragil. Was in der Statistik als «65 plus» erscheint, beginnt bei ihnen häufig bereits mit 60.
Welche Rolle spielen Sprach- und Kulturbarrieren beim Zugang zu vielfältigen Unterstützungsangeboten?
Eine sehr grosse. Viele Betroffene verstehen Informationen nicht oder nur unvollständig und sind dadurch stärker auf Angehörige angewiesen. Auch Fachpersonen haben Mühe, weil ihnen das Wissen und die Ressourcen fehlen, um kulturelle Unterschiede richtig einzuordnen. Interkulturelle Dolmetschende könnten viel auffangen – nicht nur sprachlich, sondern auch in der Vermittlung kultureller Vorstellungen von Krankheit, Schmerz oder dem Tod. Doch die Finanzierung solcher Dolmetschenden ist kantonal unterschiedlich geregelt. Diese Lücke erschwert eine gleichberechtigte Gesundheitsversorgung.
Wie wirkt sich das auf die Selbstständigkeit im Alter aus?
Viele wollen so lange wie möglich zu Hause bleiben. Gleichzeitig gelten in vielen Herkunftskulturen die Pflege und die Betreuung durch Angehörige als selbstverständlich. Das kann ein Vorteil sein, aber auch dazu führen, dass institutionelle Unterstützung nicht aufgebaut oder gar nicht erst nachgefragt wird. Angehörige sind damit aber oft genauso überfordert wie einheimische Familien. Es fehlen dedizierte Entlastungsangebote, die kulturelle Unterschiede ernst nehmen.
Was braucht es, damit Menschen mit Migrationserfahrung und Behinderung ihre Selbstbestimmung im Alter behalten können?
Niederschwellige, zugängliche Angebote in Pflege, Betreuung und Freizeit. Informationen müssen einfacher, mehrsprachig und proaktiv kommuniziert werden. Es braucht interkulturelle Dolmetschende, sensibilisiertes Fachpersonal und barrierefreie Strukturen, gerade für Menschen mit sensorischen Behinderungen. Entscheidend ist die Perspektive der Gleichberechtigung: Die Umwelt muss angepasst werden, nicht die Menschen. Das entspricht auch der UNO-Behindertenkonvention, die die Schweiz 2014 ratifiziert hat.
Wo besteht der grösste politische und gesellschaftliche Handlungsbedarf?
Finanzielle Absicherung, einfacher Zugang zu Ergänzungsleistungen, proaktive Information durch Behörden und eine breitere politische Anerkennung wären wichtig. Gerade diejenigen Menschen, die über Jahrzehnte in Tieflohnbranchen gearbeitet haben, haben die Schweiz mitgetragen. Diese Lebensleistung wird politisch und gesellschaftlich zu wenig anerkannt.
Gibt es beim Thema «Alter und Migration» blinde Flecken in der Forschung?
Ja, in repräsentativen nationalen Studien fehlen oft ältere Migrantinnen und Migranten, weil sie «schwer erreichbar» sind. Das führt dazu, dass genau jene Gruppe, die man verstehen müsste, systematisch untererfasst bleibt. Gleichzeitig zeigt die Forschung klare Trends: höhere Armutsgefährdung, frühere Fragilisierung, stärkere psychische Belastungen und geringere soziale Einbindung. Wir brauchen dringend mehr Studien, die diese Lebensrealitäten einbeziehen.
Welche Rolle können Freiwilligenarbeit und soziale Netzwerke spielen?
Eine sehr grosse. Projekte wie Amico, ein Angebot des Roten Kreuzes Ticino für Menschen mit früher oder leichter Demenz und Migrationserfahrung zeigen wie hilfreich es ist, wenn Freiwillige die Sprache und Kultur der Betroffenen teilen. Gleichzeitig gibt es aber auch ohne gemeinsame Sprache Wege, um zu kommunizieren: Musik, Theater, Rituale, gemeinsames Schaffen. Gemeinschaft wirkt gegen Einsamkeit, insbesondere ältere Migrantinnen und Migranten sind überdurchschnittlich häufig einsam.