Public Affairs

«Das Schreiben hat mir das Leben zurückgegeben»

Als María-Rosa Navarro stark sehbehindert wird, bricht für die heute 62-jährige Spanierin eine Welt zusammen. Die Köchin verliert nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Selbstständigkeit und muss sich Schritt für Schritt ein neues Leben aufbauen.

Text, Fotos und Videos: Nicole Krättli

Die Computerstimme klingt hart und metallisch. Auf dem Bildschirm stehen übergrosse, schwarze Buchstaben auf weissem Grund. María-Rosa Navarro sitzt dicht davor, ihre Finger über der Tastatur, sie tippt langsam, konzentriert. Es ist ein Text, an dem sie seit Tagen arbeitet: ein kurzer literarischer Moment, geboren aus Erinnerung und Vorstellungskraft. Zwischendurch murmelt sie einige Worte auf Spanisch, korrigiert einen Satz, sucht den Rhythmus. «Schreiben dauert sehr lange», sagt sie. «Aber immerhin kann ich schreiben. Das ist für mich Freiheit.»

Von Granada in die Schweiz

Mit 21 Jahren verlässt María-Rosa Navarro Spanien. Die Arbeit in ihrer Heimat Granada reicht nicht zum Leben, also unterzeichnet sie einen Arbeitsvertrag im Ausland. Die Zugreise in die Schweiz dauert zwei Tage. An der Grenze gibt es eine ärztliche Kontrolle «wie in alten Kriegsfilmen», erinnert sie sich. Die ersten Jahre in der neuen Heimat sind entbehrungsreich: viel Arbeit, wenig Geld, regelmässiges Heimweh. «Es war hart, wirklich hart», sagt sie. «Aber mein Ziel war, mir hier ein Leben aufzubauen.» 

Und das tut sie. Sie arbeitet als Köchin, bekommt zwei Kinder, baut sich ein soziales Umfeld auf. Ihr Alltag, ihr Leben, ihr Zuhause: Das ist längst die Schweiz. Aber auch nach über 40 Jahren ist Spanien die Heimat ihres Herzens geblieben. Ein warmer Ort mit feinem Essen, wo man Menschen spontan zu Hause besuchen kann. 

Ärztefehler verändern María-Rosa Navarros Leben

Mitte der 1990er-Jahre kommt es zum zweiten entscheidenden Bruch in María-Rosa Navarros Biografie. Schon als Kind wurde bei ihr eine starke Kurzsichtigkeit diagnostiziert. Sie trug eine dicke Brille und wurde deswegen immer wieder gehänselt und als «Brillenschlange» bezeichnet. Noch heute treffen sie die Worte von damals. Im Gespräch bricht ihr kurz die Stimme weg, wenn sie davon erzählt. Als neuartige Augenoperationen aufkommen, schöpft María-Rosa Navarro deshalb neue Hoffnung. Sie lässt sich in Barcelona beraten und entscheidet sich schliesslich für eine Linsenimplantation in St. Gallen.

Die Operation am rechten Auge verläuft gut. Beim linken Auge kommt es allerdings schon wenige Stunden nach dem Eingriff zu heftigen Komplikationen. María-Rosa Navarro geht es schlecht, der Druck in ihrem Auge steigt dramatisch an. Notfallmässig wird sie erneut operiert; ein beinahe vollständiges Glaukom kann gerade noch verhindert werden. Doch das Auge bleibt dauerhaft geschädigt. 

Über zehn Jahre bleibt die Situation stabil. Das rechte Auge bleibt María-Rosa Navarros Stütze. Bis derselbe Arzt bei einer Kontrolle behauptet, die eingesetzte Linse sitze zu weit hinten und eine Kataraktoperation sei nötig. Beim Eingriff wird ihr nicht nur die Kunstlinse entfernt, sondern auch der gesunde natürliche Linsenkörper. Kurz darauf verliert sie auch auf diesem Auge fast ihr gesamtes Sehvermögen. «Zwei Fehler», sagt sie. «Und niemand hat je die Verantwortung dafür übernommen.» 

Die Folgen sind massiv: María-Rosa Navarro kann ihren Beruf nicht mehr ausüben, verliert ihre finanzielle Basis und rutscht in eine Depression. «Ich fühlte nichts mehr. Es war mir egal, was aus mir wird.»


Schreiben als Rettung

Der Wendepunkt kommt, als die Zentrale des Blindenbundes in Niederurnen ihr moderne Hilfsmittel vorstellt: Vergrösserungsgeräte, Speziallupen, Vorleseprogramme. «Ich habe an diesem Tag gelacht und geweint», sagt María-Rosa Navarro. «Ich wusste nicht, dass es das alles gibt. Plötzlich konnte ich wieder lesen.»

Die Invalidenversicherung (IV) unterstützt sie mit Hilfsmitteln und einer kleinen Rente. Ihre Tochter und ihre Schwester helfen beim Einkaufen, beim Entziffern von Kleingedrucktem, bei komplizierten Formularen. Einmal pro Woche bekommt sie zudem Besuch von einer freiwilligen Helferin des Blindenbunds. Maja Eicher liest ihr vor, begleitet sie, ist mittlerweile zu einer Freundin geworden. «Unabhängigkeit ist mir wichtig», sagt María-Rosa Navarro. «Und trotzdem brauche ich bei vielen Dingen Hilfe. Ich bin dankbar für alle Menschen, die für mich da sind.» 

Schon früher wollte sie Geschichten schreiben. Sie las ihren Kindern vor, erfand kleine Erzählungen, bewahrte Texte in Schubladen auf. Doch erst nach dem Verlust ihres Sehvermögens beginnt sie ernsthaft zu schreiben: Gedichte, Prosatexte, ein Kinderbuchmanuskript. «Soles de Agua», ein Gedichtband, erschien vor einigen Jahren auf Deutsch und Spanisch.

Parallel dazu bildet sie sich weiter. Zunächst in einem mehrjährigen Online-Kurs, später in einer internationalen Schreibgruppe, in der sie sich bis heute wöchentlich austauscht und Texte lektoriert. Das Schreiben ist für María-Rosa Navarro längst nicht mehr nur ein Hobby. «Das Schreiben hat mir mein Leben zurückgegeben. Endlich habe ich wieder etwas, was mir gehört», sagt sie.

Angst vor der Abhängigkeit

«Ich habe keine Angst vor dem Alter als solchem», sagt die 62-Jährige. «Sondern vor seinen Folgen: davor, mein Gedächtnis zu verlieren, die Menschen, die ich liebe, nicht mehr zu erkennen oder in einer Institution zu landen, ohne selbst entscheiden zu können.»

Ihre Sehbehinderung verstärkt diese Sorgen. «Wenn du nicht siehst, verlierst du die Gesichter, erkennst keine Stimmungen mehr. Das macht einsam.» Besonders geprägt haben María-Rosa Navarro auch jene Jahre, in denen sie als Köchin in einem Heim für Menschen mit Behinderung gearbeitet hat. «Ich sah dort viele Menschen, die allein und beinahe vergessen wirkten. Wenn ich daran denke, dass mein eigenes Leben einmal so enden könnte, tut das weh.»

Auch finanziell lebt María-Rosa Navarro mit ständigen Einschränkungen. «Meine Rente ist klein. Ich muss mich stets entscheiden, ob ich gesund essen, mir Medikamente kaufen, meine Wohnung warmhalten will oder etwas für meine seelische Gesundheit tun möchte.» Auch die Weiterbildung zur Schriftstellerin, die ein Herzenswunsch von ihr war, hat sie finanziell schwer belastet. «Selbst die Nutzung des öffentlichen Verkehrs ist für mich finanziell eine Herausforderung.»

Trotz allem versucht María-Rosa Navarro hoffnungsvoll nach vorne zu blicken. Für das Alter wünscht sie sich ein stabiles Netz aus Zuneigung und sozialer Unterstützung, Menschen, die sie begleiten, damit sie sich gehört fühlt und nicht irgendwann unsichtbar wird. Sie hofft auf eine Lebensphase, die nicht von Angst oder finanziellen Sorgen geprägt ist, sondern von Ruhe und Verlässlichkeit. «Ich wünsche mir, dass die letzte Lebensetappe sanft und ohne dauernden Kampf verläuft», sagt sie. Und eines bleibt für sie zentral: «Ich hoffe, dass ich genug Kraft und Inspiration behalte, um weiter schreiben zu können.»

HEKS Alter und Migration ZH/SH

María-Rosa Navarro wurde uns von HEKS Alter und Migration Zürich/Schaffhausen vermittelt. HEKS AltuM unterstützt ältere Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchtete bei Fragen zu Alltag, Alter und Gesundheit in der Schweiz und wirkt als Brücke zu den Regelstrukturen. Mehrsprachige Schlüsselpersonen bieten niederschwellige Angebote, die Information, Austausch und Gemeinschaft fördern. Von 2021 bis 2023 unterstützte die Age-Stiftung das Projekt «AltuM-Tandem» von HEKS AltuM, das Freiwillige und Geflüchtete zusammenbringt, mit CHF 60’000.

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