«Ich kam nicht mehr zurecht mit mir»
Ein Leben ohne ihre 80-jährige Mutter kann sich Christine Pfister nicht vorstellen. Nach Aufenthalten in Alters- und Pflegeheimen lebt die 61-Jährige in einer offenen Wohngemeinschaft. Ihr Wunsch ist, dass ihre Mutter nicht vor ihr stirbt.
Text: Ursula Eichenberger, Fotos: Frederic Meyer
Schwungvoll öffnet sich die Türe des Raucherstübchens. Ein Strahlen huscht über Christine Pfisters Gesicht. Im dunklen Ledersofa versunken, zieht sie noch einmal an der E-Zigarette, «Mama, wie bin ich froh, dass du da bist», sagt sie. «Salut, mon bebé», erwidert Claudine Meli, schwarze Haare, Sonnenbrille mit kirschroten Gläsern und goldenem Gestell; sie stellt die Tasche mit frischer Wäsche neben das Sofa und legt die weit geöffneten Arme um ihre Tochter. Sofort bietet sie das Du an. «Ich bin Coco.»
Die 80-jährige Coco schaut alle zwei Tage im Wohnhaus Blümlisalp des Vereins Arche Zürich vorbei, so auch an diesem Nachmittag. Sie trinkt mit ihrer Tochter Kaffee, hilft, Christines Zimmer aufzuräumen, nimmt Wäsche mit, bringt frische Kleider. «Meine Mama ist die beste Glugge», sagt Christine. Coco streicht über den Kopf ihrer Tochter, «oui, ma pouluce» – ja, mein Hühnlein. Coco – Mutter von fünf Kindern, Grossmutter von neun Enkeln und zweifache Urgrossmutter – ist das Zentrum der frankofon geprägten Familie. Mit allen steht sie in engem Kontakt, auch mit Christines drei Kindern, die sich von ihrer Mutter distanziert haben. «Ich habe ihnen zu viel zugemutet», sagt diese selbst.
Et voilà
Unser Besuchstermin war auf 10 Uhr morgens vereinbart – ein Zeitpunkt, zu dem die Chance gross ist, Christine in einem wachen und nüchternen Zustand anzutreffen. Doch ihre Bezugsperson ist sich an diesem Morgen nicht sicher, ob ein Treffen möglich sei, Christine habe morgens mit dem Trinken begonnen. Schliesslich, kurz vor 11 Uhr, trifft diese aber mit einem «et voilà» im Gemeinschaftsraum ein, zurück von einem «petit Türli», wie sie sagt, eine Melone unter dem Arm, einen Biotta-Saft in der Hand. «Ich brauche dringend einen Gemüsecocktail», sie schenkt sich ein grosses Glas Saft ein.
Christine blickt auf sechs bewegte Lebensjahrzehnte zurück. Beide Eltern sind Franko-Belgier, ihr Vater entwickelt als Ingenieur Turbinen für die Lufthansa. Die Familie lebt in Belgien, später in Südamerika. Als Christine elf ist, lassen sich ihre Eltern scheiden. Coco lernt einen viel jüngeren Mann kennen; ihren Stiefvater mag Christine sehr. Mit 16 wird sie an der Kunstgewerbeschule Zürich aufgenommen. Gegenüber liegt das Autonome Jugendzentrum (AJZ) – Christine kommt mit Drogen in Kontakt, «unser Lehrer musste uns dort oft suchen».
Nach einem Werkjahr zieht sie nach Sirnach in eine grosse Wohngemeinschaft. Sie hält sich mit Temporärjobs über Wasser, heiratet mit 21, ein Jahr später kommt ihr erstes Kind zur Welt. Zunehmend wird ihr Mann gewalttätig. Christine verlangt die Scheidung, als sie mit ihrem zweiten Kind schwanger ist. Sie arbeitet als Verkäuferin im Warenhaus EPA in Kreuzlingen, konsumiert immer mehr Heroin, jobbt in Beizen, unter anderem im Rock Café in Kreuzlingen, wo sie ihren zweiten Mann kennenlernt. Ihr drittes Kind kommt zur Welt. Kurzfristig kann sich Christine vom Heroin fernhalten, «aber ich löste mich nie mehr ganz davon».
«Unser Leben geriet aus den Fugen»
Im Beisein der Familien und von Freunden heiratet das Paar im Schloss Bürglen, Christine trägt ein Hochzeitskleid in Champagnerfarbe, es wird getanzt, ein Feuerschlucker ist die grosse Attraktion. Ihr Mann hat eine gute Stelle im Schuldepartement der Stadt Zürich, zu Beginn ist er für sie eine Stütze, sich von Drogen fernzuhalten, doch Schritt für Schritt beginnt auch er zu konsumieren. «Unser Leben geriet aus den Fugen», sagt sie. Christine ist 33, als sie mit ihren Kindern nach Südfrankreich in das von Lucien Engelmajer gegründete Institut Le Patriarche zieht und einen kalten Entzug macht. Die folgenden zwei Jahre lebt sie in der umstrittenen Gemeinschaft.
Beim Erzählen springt Christine vor und zurück, hier eine kurze, intensive Phase ihrer Biografie, dort eine andere. Seit sie zum Mittagessen eine Handvoll Medikamente geschluckt hat, kann sie die Augen kaum mehr offenhalten und hat Mühe mit dem Atmen. Sie leidet an COPD, einer ausgeprägten chronisch obstruktiven Lungenerkrankung, und an Osteoporose. Immer öfter benötigt sie ihr portables Sauerstoffgerät, vermehrt brechen ihre Knochen.
Als ihr Ehemann sich zu einer Geschlechtsumwandlung entschied, entfremdete sich das Paar. Christine hält nun einen Bilderrahmen in der Hand, den sie zuvor aus ihrem Zimmer geholt hat: zwei getrocknete Seepferdchen hinter Glas – Tiere, die ihren zweiten Ehemann und sie faszinierten. Die Weibchen übertrügen die befruchteten Eier in eine spezielle Bruttasche am Bauch des Männchens, erklärt sie, «das Männchen versorgt die Embryonen mit Sauerstoff und bietet Schutz». Später presse das Männchen die Jungtiere aus der Brusttasche heraus.
Trotz grossem gegenseitigem Verständnis trennt sich das Paar, «in unserer Ehe war eine Frau zu viel». Der Kontakt zu den Kindern geht in die Brüche, Christine kommt immer wieder in Kontakt mit der Polizei und den Behörden, lebt für zwei Jahre bei ihrer jüngeren Schwester in Südfrankreich, möchte auf dem Jakobsweg pilgern, ist aber zu schwach dafür. «Ich kam einfach nicht mehr zurecht mit mir.»
Keine Pläne
Mehrere Jahre verbringt Christine Pfister in Zentren des Sozialwerks Pfarrer Sieber, in einem Altersheim in Wollishofen, in einem Pflegeheim am Römerhof, «aber dafür bin ich noch zu jung», konstatiert sie. Seit einem halben Jahr lebt sie im Wohnhaus Blümlisalp. Hier kann sie ein- und ausgehen, wie sie mag, es ist keine Abstinenz verlangt. Von Montag bis Freitag gibt es für die 19 Bewohnenden mittags etwas Warmes zu essen, am Samstag einen Brunch. Über Nacht ist die Gemeinschaft sich selbst überlassen, ebenso von Samstagvormittag bis Montagmorgen. «Wir schauen uns gegenseitig», sagt Christine, die Nummer der Polizei und Ambulanz würden praktisch täglich gewählt.
Es ist ein bewegtes Leben, das von manchem Verlust geprägt ist. Die Liebe ihrer Mutter aber zieht sich wie ein roter Faden durch Christines Biografie. «Fou» sei das, sagt Coco, «verrückt» – sie könne diese bedingungslose Zuneigung zu ihrer Familie nicht erklären. Christines Zukunft macht ihr deutlich mehr zu schaffen als ihre eigene. «Sie müsste in die Höhe wegen der Lungen, sie braucht Therapien.» Die Augen ihrer Tochter sind inzwischen geschlossen, die Müdigkeit hat überhandgenommen. «Ja, ein Ort nahe bei meinen Kindern und bei meiner Mutter», murmelt sie. Christine weiss nicht, was auf sie zukommt. «Immer wenn ich mir etwas gewünscht habe, ist es eh kaputt gegangen. Ich mache keine Pläne mehr, denke nur an heute, nein, nur an die nächste Stunde.» Den Kopf an Cocos Schulter gelehnt, sagt sie leise: «Mein grösster Wunsch ist, dass meine Mutter nicht vor mir stirbt.»